5. Fastensonntag (Judica)- Lesejahr A
Vorgeschriebene Lesungen
1. Lesung: Ezechiel 37,12–14
Antwortpsalm: Psalm 130
2. Lesung: Römer 8,8–11
Ruf vor dem Evangelium: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben in Ewigkeit. (Johannes 11,25a.26)
Evangelium: Johannes 11,1–45
Die Verbindung der Lesungen
Der fünfte Fastensonntag steht unmittelbar vor dem Beginn der Karwoche und richtet den Blick mit großer Eindringlichkeit auf die Grenzerfahrung von Tod und Hoffnung. Die Lesungen dieses Sonntags sprechen bewusst von Situationen, in denen menschliche Möglichkeiten enden – und eröffnen zugleich eine Perspektive, die über diese Grenze hinausweist. Die Fastenzeit erreicht hier ihren existenziellen Höhepunkt.
In der ersten Lesung aus dem Buch Ezechiel spricht Gott zu einem Volk, das sich wie tot fühlt. Das Bild der geöffneten Gräber ist Ausdruck tiefster Hoffnungslosigkeit. Israel erlebt Exil, Ohnmacht und Zukunftslosigkeit. Gott aber verheißt neues Leben: Er wird sein Volk aus den Gräbern holen und ihm seinen Geist schenken. Diese Worte sind zunächst nicht biologisch, sondern heilsgeschichtlich zu verstehen. Gott verspricht Erneuerung dort, wo menschlich keine Kraft mehr vorhanden ist. Der Tod wird nicht geleugnet, aber er behält nicht das letzte Wort.
Der Antwortpsalm 130 nimmt diese Erfahrung persönlich auf. Er beginnt mit dem Ruf „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“. Die Tiefe steht für Schuld, Leid und existentielle Not. Der Psalm bringt die innere Haltung des Menschen zum Ausdruck, der sich in seiner Ausweglosigkeit an Gott wendet. Während Ezechiel von Gottes Initiative spricht, antwortet der Mensch im Psalm mit Vertrauen und geduldigem Warten auf Erlösung.
Die zweite Lesung aus dem Römerbrief verbindet diese Hoffnung mit Christus. Paulus macht deutlich, dass der Geist Gottes in den Glaubenden wohnt. Wer zu Christus gehört, lebt bereits aus der Kraft der Auferstehung, auch wenn der Leib dem Tod unterworfen bleibt. Leben und Tod stehen hier nicht mehr einfach nebeneinander, sondern werden im Licht des Geistes neu gedeutet.
Im Evangelium von der Auferweckung des Lazarus verdichtet sich all dies in einer konkreten Begegnung. Jesus begegnet Trauer, Zweifel und Tod. Er weint, er zögert, und doch ruft er Lazarus aus dem Grab. Dieses Zeichen weist über sich hinaus auf Jesu eigene Auferstehung. Die Verbindung der Lesungen zeigt sich klar: Gott schenkt Leben – mitten in der Erfahrung von Tod und Hoffnungslosigkeit. Der fünfte Fastensonntag öffnet damit das Tor zur österlichen Hoffnung.
Inhaltliches Verständnis des Antwortpsalms
Psalm 130 gehört zu den sogenannten Wallfahrts- oder Stufenpsalmen und ist zugleich einer der eindrucksvollsten Buß- und Vertrauenspsalmen der Bibel. Nach den Auslegungen auf bibelkommentare.de bringt dieser Psalm eine geistliche Bewegung zum Ausdruck, die von der tiefsten Not hin zur festen Hoffnung auf Erlösung führt.
Der Psalm beginnt mit einem Schrei aus der Tiefe. Diese Tiefe ist nicht nur äußerliches Leid, sondern auch Schuld. Der Beter weiß, dass er vor Gott nicht bestehen könnte, wenn Gott nur auf Verfehlungen achtete. Doch gerade hier setzt der Wendepunkt des Psalms ein: „Bei dir ist Vergebung, damit man dich fürchte.“ Vergebung ist nicht Nebensache, sondern Grundlage der Gottesbeziehung. Sie ermöglicht Ehrfurcht und neues Vertrauen.
Ein zentrales Motiv ist das Warten. Der Psalm beschreibt ein geduldiges, aber sehnsüchtiges Warten auf den Herrn, verglichen mit den Wächtern, die auf den Morgen hoffen. Dieses Bild macht deutlich: Erlösung kommt nicht aus eigener Kraft, sondern als Geschenk Gottes. Warten ist hier kein resigniertes Ausharren, sondern Ausdruck tiefer Hoffnung.
Der Schluss des Psalms weitet den Blick von der persönlichen Erfahrung auf das ganze Volk. Israel soll hoffen auf den Herrn, denn bei ihm ist reiche Erlösung. Für den Kantor ist entscheidend: Psalm 130 ist kein verzweifelter Klagepsalm, sondern ein Psalm der reifen Hoffnung. Die Tiefe wird nicht verleugnet, aber sie wird durch Vertrauen durchschritten.
Im Kontext des fünften Fastensonntags bereitet dieser Psalm innerlich auf Ostern vor. Er gibt der Gemeinde Worte, um die eigene Not vor Gott zu tragen und zugleich auf seine rettende Nähe zu vertrauen. Der Psalm lebt von innerer Spannung zwischen Dunkelheit und Erwartung – eine Spannung, die für diese Phase des Kirchenjahres besonders kennzeichnend ist.
Hintergründe der Textauswahl
Die Textauswahl des 5. Fastensonntags im Lesejahr A ist bewusst auf die Schwelle zwischen Fastenzeit und österlichem Geschehen ausgerichtet. Kurz vor Palmsonntag wird die Gemeinde mit der Frage konfrontiert, wie sie mit Tod, Leid und Endlichkeit umgeht. Die Lesungen verschweigen diese Erfahrungen nicht, sondern nehmen sie ernst.
Die Vision Ezechiels richtet sich an Menschen ohne Perspektive und spricht ihnen neue Zukunft zu. Psalm 130 gibt dieser Hoffnung eine persönliche Stimme. Die Lesung aus Römer 8 verankert diese Hoffnung christologisch und pneumatologisch: Gottes Geist ist bereits wirksam.
Das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus schließlich ist eines der zentralen Zeichen Jesu und bereitet unmittelbar auf sein eigenes Pascha-Mysterium vor. Die Gemeinde wird eingeladen, sich innerlich auf Ostern auszurichten und darauf zu vertrauen, dass Gott Leben schenkt – selbst dort, wo alles verloren scheint.
Quellenverzeichnis
- Schott-Messbuch Online: https://schott.erzabtei-beuron.de
- Bibeltexte (Einheitsübersetzung 2016): https://www.bibleserver.com
- Bibelkommentare zu Psalm 51: https://www.bibelkommentare.de
